Ägypten: Elektronische Rechnungsstellung ab November 2020 Pflicht

Die ägyptische Umsatzsteuer ist gerade vier Jahre alt geworden. Im September 2016 trat die Umsatzsteuer an die Stelle der Goods and Services Tax (GST). Trotz seiner kurzen Geschichte folgt das ägyptische Umsatzsteuer-System den neuesten weltweiten Trends: Ab Mitte November 2020 gilt die Pflicht zur elektronischen Rechnungsstellung.

Die Anforderung folgt dem Clearance-Modell (beispielsweise in Italien im Einsatz). Dies bedeutet, dass ausgestellte Rechnungen von den ägyptischen Steuerbehörden vorab genehmigt werden müssen, bevor sie an die Kunden weitergeleitet werden.

Nachfolgend die wichtigsten Aspekte der Pflicht zur elektronischen Rechnungsstellung in Ägypten.

 

Elektronischen Rechnungsstellung in Ägypten: rechtlicher Hintergrund

Die Einführung der verpflichtenden elektronischen Rechnungsstellung ist Teil einer langfristigen ägyptischen Strategie unter dem Namen „Egypt Vision 2030“. Diese zielt insbesondere auf die digitale Transformation der staatlichen Dienste ab.

Die Pflicht zur elektronischen Rechnungsstellung ergibt sich aus den beiden folgenden Rechtsakten:

  • Die Verordnung Nr. 188 des ägyptischen Finanzministeriums legt den allgemeinen Rahmen für die obligatorische elektronische Rechnungsstellung im Hinblick auf das Umsatzsteuer-Clearance-Modell fest;
  • Mit der Verfügung Nr. 386 der ägyptischen Steuerbehörden werden 134 Unternehmen, die in Ägypten tätig sind, zur Ausstellung von elektronischen Rechnungen verpflichtet.

Zunächst sind die 134 ausgewählten Unternehmen, wie bereits erwähnt, ab dem 15. November 2020 verpflichtet, elektronische Rechnungen auszustellen.

Die oben genannte Liste von 134 Unternehmen umfasst hauptsächlich die größten in Ägypten tätigen Unternehmen. Unter anderem sind folgende weltweit tätige Unternehmen ab dem 15. November 2020 von der Pflicht zur elektronischen Rechnungsstellung betroffen: Adidas, Huawei, Samsung, Procter and Gamble, Nestle, Philips und LG.

 

Elektronischen Rechnungsstellung in Ägypten: technischer Überblick

Die ägyptische elektronische Rechnungsstellung folgt dem Tax Clearance-Modell. Mit anderen Worten, ausgestellte Rechnungen müssen an die Steuerbehörden gesendet werden, bevor sie an einen Kunden übermittelt werden. Dies bedeutet, dass die ägyptischen Steuerbehörden Informationen über Steuerrechnungen in Echtzeit erhalten.

Die Integration zwischen dem ERP-System des Steuerpflichtigen und dem staatlichen System zur elektronischen Rechnungsstellung basiert auf verschiedenen verfügbaren APIs (Application Programming Interfaces). Sowohl die APIs als auch das gesamte System zur elektronischen Rechnungsstellung wurden von dem globalen IT-Riesen Microsoft entwickelt.

Hervorzuheben ist die Tatsache, dass das ägyptische Finanzamt auch das sogenannte SDK (Software Development Kit) bereitstellt, das eine wertvolle Hilfe für Entwickler ist, die an Lösungen für die elektronische Rechnungsstellung arbeiten.

Das erforderliche Format für ägyptische Rechnungen ist JSON oder XML. Ausgestellte Rechnungen müssen auch digital signiertwerden. Das ägyptische Modell stellt die Sicherheit des Systems in den Vordergrund, da Rechnungen mit dem sogenannten HSM (Hardware Security Model, Hardware-Sicherheitsmodell) signiert werden müssen. Dieses physische Gerät stellt sicher, dass wichtige kryptografische Daten (z. B. Schlüssel) nicht online in der Cloud gespeichert werden, sondern offline im HSM, wo sie sicher sind.

 

Elektronischen Rechnungsstellung in Ägypten: Struktur der Rechnungsdaten

Wenn es um den Inhalt der Rechnung geht, sind die meisten erforderlichen Daten Standard (z. B. Informationen über einen Verkäufer, Käufer, Werte).

Informationen zu gelieferten Produkten (Artikeln) müssen jedoch der Global Product Classification (GPC) entsprechen, wie sie von der Organisation Global Standards 1 (GS1) definiert wurde. Steuerpflichtige müssen ihre internen Warencodes im ERP-System entsprechend der GPC zuordnen. Besonders hervorzuheben ist auch, dass die Steuerbehörden spätestens 15 Tage vor der Verwendung des neuen Codes von einem Steuerpflichtigen informiert werden müssen.

Die aktuelle Version der ägyptischen E-Rechnungsdatenstruktur ist 1.1. Ferner ist zu beachten, dass es getrennte Systeme sowohl für Gutschrifts- als auch für Belastungsanzeigen gibt, was ziemlich ungewöhnlich ist. Die Unterscheidung zwischen den Dokumententypen muss im Feld documentType erscheinen („i“ wie Invoice für eine Rechnung, „c“ wie Credit Note für eine Gutschriftsanzeige, „d“ wie Debit Note für eine Belastungsanzeige).

Gutschrifts- und Belastungsanzeigen müssen zudem Verweise auf das Originaldokument enthalten, das geändert wird. Der Verweis erfolgt durch Angabe einer UUID (Unique ID) der im System zur elektronischen Rechnungsstellung registrierten Originalrechnung.

 

Elektronische Rechnungsstellung in Ägypten: der ERP-Integrationsprozess

Die ägyptischen Steuerbehörden haben einen praktischen Überblick über die Schritte veröffentlicht, die erforderlich sind, um das ERP-System des Steuerpflichtigen mit dem System zur elektronischen Rechnungsstellung zu integrieren. Die nachfolgende Abbildung veranschaulicht die notwendigen Schritte zur Integration.

Die Schritte 1 bis 4 sind einmalige Aktivitäten und beziehen sich hauptsächlich auf die Registrierung der Profile der Steuerpflichtigen im System, den Bezug der erforderlichen digitalen Zertifikate und der API-Anmeldeinformationen.

Die Schritte A, B und C beschreiben die täglichen Interaktionen zwischen dem ERP-System des Steuerpflichtigen und dem System zur elektronischen Rechnungsstellung. A – ein Steuerpflichtiger autorisiert sich selbst, andere API-Funktionen aufzurufen, B – tatsächlicher API-Aufruf (z. B. um eine Rechnung einzureichen oder abzurufen), C – Empfang von Benachrichtigungen vom System (z. B. Rechnung validiert, abgelehnt usw.).

Die unter Punkt C genannten Sofortbenachrichtigungen werden auf verschiedenen Wegen übermittelt (z. B. Rechnungsportal, SMS, E-Mail oder andere mobile Anwendungen).

 

Elektronischen Rechnungsstellung in Ägypten: Dies ist nur die erste Phase

Ab dem 15. November müssen 134 ausgewählte ägyptische Steuerpflichtige das System zur elektronischen Rechnungsstellung nutzen. Dies ist jedoch nur ein Probelauf. Aufgrund der Rückmeldungen der Systemteilnehmer werden möglicherweise erforderliche Anpassungen am System vorgenommen, bevor die Verpflichtung auf andere Steuerpflichtige ausgeweitet wird.

Der vorstehende Ansatz klingt lobenswert. Außerdem haben ausgewählte Steuerpflichtige an Workshops (sowie an wöchentlichen Telefongesprächen) teilgenommen, die von den ägyptischen Steuerbehörden organisiert wurden, in denen um technische Feinheiten (SDK, API) erläutert wurden.

Es ist offensichtlich, und das haben wir bereits in einem unserer letzten Artikel erörtert, dass die Pflicht zur elektronischen Rechnungsstellung und insbesondere das Clearance-Modell sich offenbar durchsetzt. Immer mehr Länder führen diese Pflicht ein. Ägypten ist nur das jüngste Beispiel.